Bulimie ist oft unsichtbar. Menschen können nach außen funktionieren, lachen, arbeiten und ihr Leben scheinbar im Griff haben – während sich hinter verschlossenen Türen ein quälender Kreislauf aus Essanfällen, Kontrollverlust, Angst und kompensierendem Verhalten abspielt.
Ich kenne diesen Kreislauf aus meinem eigenen Leben.
Bei mir begann die Geschichte nicht mit Bulimie. Zuerst erkrankte ich an Magersucht, später kam eine Sportsucht hinzu. Schließlich verbrachte ich acht Wochen stationär in einer Spezialklinik für Essstörungen.
Dort lernte ich viel über meine Erkrankung und über mich selbst.
Doch irgendwann kam der Tag der Entlassung.
Und plötzlich war ich auf mich gestellt.
Was ist Bulimie?
Bulimia nervosa, umgangssprachlich auch Ess-Brech-Sucht genannt, ist eine ernstzunehmende psychische Erkrankung. Charakteristisch sind wiederkehrende Essanfälle, bei denen Betroffene das Gefühl haben, die Kontrolle über ihr Essen zu verlieren.
Anschließend versuchen sie, einer befürchteten Gewichtszunahme entgegenzuwirken – beispielsweise durch selbst herbeigeführtes Erbrechen, Fasten oder exzessiven Sport.
Häufig bestimmen Gewicht und Körperform den eigenen Selbstwert stark mit. Gleichzeitig sind Scham und Schuldgefühle oft so groß, dass die Erkrankung lange verborgen bleibt.
Das macht Bulimie besonders tückisch:
Man kann einem Menschen eine Essstörung nicht immer ansehen.
Nach der Klinik begann mein neues Leben – und eine neue Herausforderung
Meine stationäre Therapie war enorm wichtig für mich.
Aber eine Klinik ist ein geschützter Raum. Es gibt Strukturen, Ansprechpartner und Menschen, die verstehen, was gerade passiert.
Nach acht Wochen musste ich das Gelernte plötzlich im wirklichen Leben anwenden.
Und mein altes Leben gab es praktisch nicht mehr.
Ich hatte meinen Job beendet. Meine Beziehung war beendet. Mein bisheriger Freundeskreis gehörte nicht mehr zu meinem Alltag.
Stattdessen kam ich in einer Wohnung an, die ich zuvor gerade einmal gesehen hatte.
Von einem Tag auf den anderen war sie mein neues Zuhause.
Eigentlich sollte hier mein neues Leben beginnen.
Doch genau dieses neue Leben musste ich erst einmal lernen.

Wenn das Wissen da ist – aber die Umsetzung nicht gelingt
In der Klinik hatte ich viel verstanden.
Aber etwas zu verstehen bedeutet noch lange nicht, es in einem schwierigen Moment auch umsetzen zu können.
Plötzlich war niemand mehr direkt neben mir, wenn der innere Druck immer größer wurde.
Was mir besonders fehlte, war ein Mensch, bei dem ich nicht erst erklären musste, warum ich gerade so empfand.
Jemand, der nicht nur theoretisch verstand, was eine Essstörung bedeutet, sondern dieses Gefühl selbst kannte.
Ich musste lernen, mit mir und meinem neuen Leben zurechtzukommen – und genau in dieser Phase entwickelte sich bei mir die Bulimie.
Warum ich aß und mich anschließend übergab
Ich hatte große Angst davor, wieder zuzunehmen.
Wenn der innere Druck zu stark wurde, aß ich. Viel und unkontrolliert.
Für einen kurzen Moment überdeckte das Essen alles andere.
Doch danach kam sofort die Angst.
Was habe ich getan?
Werde ich jetzt zunehmen?
Wie kann ich das rückgängig machen?
Also erbrach ich mich.
Für einen kurzen Moment ließ der Druck nach.
Doch natürlich kam er wieder.
So entstand ein Kreislauf:
Druck – Essanfall – Angst – Erbrechen – kurze Erleichterung – neuer Druck.
Heute weiß ich: Es ging längst nicht nur um Essen.
Es ging um Angst, Kontrolle, Überforderung und darum, einen Platz in meinem neuen Leben zu finden.
Wenn ich nicht erbrechen wollte, suchte sich der Druck einen anderen Weg
Es gab Momente, in denen ich genau wusste:
Ich möchte das nicht mehr.
Ich möchte nicht essen und mich anschließend übergeben.
Aber damit war der innere Druck nicht automatisch verschwunden.
Manchmal verletzte ich mich dann selbst und ritzte mich.
Auch das war keine Lösung. Es war ein weiterer schädlicher Versuch, einen Spannungszustand auszuhalten, für den mir damals noch andere Strategien fehlten.
Genau das musste ich lernen:
Der Druck durfte da sein – aber ich musste ihm nicht mehr mit einem Verhalten begegnen, das mir schadete.
Psychotherapie half mir, andere Wege zu finden
Nach meinem Klinikaufenthalt setzte ich meine Behandlung mit ambulanter Psychotherapie fort.
In Einzelgesprächen arbeitete ich weiter daran, meine Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen zu verstehen.
Und ich lernte alternative Möglichkeiten kennen, mit starkem innerem Druck umzugehen.
Eine davon war für mich die Natur.
Ich begann wieder spazieren zu gehen.
Wenn ich merkte, dass eine Situation kippte, ging ich nach draußen. Ich verließ ganz bewusst den Ort und die Situation, in der sich meine Gedanken immer weiter hochschaukelten.
Die Natur half mir ungemein.
Dabei war für mich ein Unterschied entscheidend: Bewegung durfte nicht wieder zu Kontrolle oder Kalorienverbrauch werden. Schließlich kannte ich die andere Seite bereits aus meiner Sportsucht.
Es ging nicht um Training.
Es ging ums Rausgehen. Atmen. Abstand gewinnen. Den Moment überstehen.
Ich hatte einen Notanker
Besonders geholfen hat mir noch etwas anderes:
Ein Mensch, den ich anrufen konnte, wenn ich merkte, dass ich kurz davorstand, wieder in ein schädliches Verhalten zu rutschen.
Mein Notanker.
Ich musste den schwierigsten Moment nicht mehr vollkommen alleine bewältigen.
Manchmal reichte ein Gespräch, um die Situation zu unterbrechen. Um Zeit zu gewinnen. Um wieder klarer denken zu können.
Genau so etwas hatte mir nach der Klinik zunächst gefehlt: ein Mensch, der nicht bewertet, sondern versteht.
Ein Mensch, bei dem ich mich nicht für meine Gedanken schämen musste.

Heute bin ich selbst ein Notanker
Magersucht, Bulimie und Sportsucht haben mein Leben lange geprägt.
Heute habe ich diese Erkrankungen hinter mir gelassen.
Aber ich habe nicht vergessen, wie es sich anfühlt, aus einer Klinik zu kommen und plötzlich all das Gelernte im Alltag umsetzen zu müssen.
Ich weiß noch, wie groß die Lücke zwischen „Ich weiß, was ich tun sollte“ und „Ich schaffe es gerade trotzdem nicht“ sein kann.
Und ich weiß, wie sehr ich mir damals jemanden gewünscht hätte, der sagen kann:
„Ich verstehe dich. Nicht nur theoretisch. Ich war selbst dort.“
Genau aus diesem Gedanken heraus ist ein wichtiger Teil meiner Arbeit mit EssBalance entstanden.
Damals brauchte ich einen Notanker. Heute möchte ich selbst einer sein.
Nicht als Ersatz für Psychotherapie, ärztliche Behandlung oder eine Klinik.
Sondern ergänzend.
Als ehemals Betroffene, die zuhört, Erfahrungen teilt, Mut macht und einen Raum bietet, in dem Gedanken ausgesprochen werden dürfen, die Außenstehende manchmal nur schwer nachvollziehen können.
Auch Angehörige können sich an mich wenden. Denn eine Essstörung betrifft selten nur einen Menschen.
Bulimie ist keine Frage von Willenskraft
Bulimie ist keine schlechte Angewohnheit und kein Zeichen mangelnder Disziplin.
Sie ist eine psychische Erkrankung, deren Ursachen komplex sind. Biologische, psychologische und soziale Faktoren können zusammenspielen.
Auch körperlich kann Bulimie schwerwiegende Folgen haben. Wiederholtes Erbrechen kann beispielsweise Zähne und Speiseröhre schädigen und gefährliche Störungen des Flüssigkeits- und Elektrolythaushalts verursachen.
Deshalb gehören Essstörungen in professionelle Hände.
Aber professionelle Behandlung und menschliches Verstandenwerden müssen sich nicht ausschließen.
Für mich war beides wichtig.
Heilung findet auch außerhalb der Klinik statt
Eine Klinik kann einen entscheidenden Anfang machen.
Aber irgendwann öffnet sich die Kliniktür und dahinter wartet das eigene Leben.
Bei mir war es sogar ein vollkommen neues Leben.
Ich musste lernen, darin anzukommen.
Ich bin dabei nicht geradlinig gegangen. Ich bin gestolpert, habe neue Symptome entwickelt, Unterstützung gebraucht und weiter an mir gearbeitet.
Aber ich bin weitergegangen.
Heute bin ich gesund.
Und vielleicht ist genau das die Botschaft, die ich Betroffenen mitgeben möchte:
Ein Rückschritt bedeutet nicht, dass eine Therapie gescheitert ist. Und ein schwieriger Tag bedeutet nicht, dass Heilung unmöglich ist.
Manchmal braucht es weitere Hilfe, andere Strategien – oder einfach einen Menschen, der versteht.
💛 Damals brauchte ich diesen Menschen. Heute gibt es dafür EssBalance.