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Von der Bravo zu KI-Filtern: Wie sich Essstörungen und Sportsucht in den letzten 20 Jahren verändert haben

Als ich in meinen Zwanzigern mit Magersucht, Sportsucht und später Bulimie kämpfte, sah die Welt noch anders aus.

Es gab kein Instagram.
Kein TikTok.
Keine KI-generierten Influencer.
Keine Filter, die Gesichter und Körper in Sekundenschnelle verändern konnten.

Und trotzdem fühlte ich mich nicht gut genug.

Ich verglich mich mit Bildern aus der Bravo und der Mädchen, mit Mitschülerinnen auf meiner Mädchenschule und später mit Menschen aus der Fitness- und Bodybuilding-Szene. Ich wollte schlanker werden, definierter sein und endlich den Körper haben, von dem ich glaubte, dass er mich glücklich machen würde.

Was zunächst mit einer Diät begann, entwickelte sich schleichend zu einer Essstörung. Aus Fitness wurde Kontrolle. Aus Kontrolle wurden Magersucht und Sportsucht.

Am Ende wog ich nur noch 39 Kilogramm bei einem Körperfettanteil von etwa 11 Prozent.

Mein Körper streikte.

Ich entschied mich für eine stationäre Behandlung in einer Spezialklinik für Essstörungen und verbrachte dort acht Wochen. Es war der Beginn eines neuen Lebens.

Doch mein Weg war noch nicht zu Ende. Nach der Klinik entwickelte ich eine bulimische Phase. Hinzu kamen Selbstverletzungen und schwere psychische Belastungen. Als Folge meiner Essstörung erlitt ich eine lebensbedrohliche innere Blutung der Leber, die ich nur knapp überlebte.

Heute bin ich gesund.

Wenn ich zurückblicke, frage ich mich oft:

Wie hätte sich meine Essstörung entwickelt, wenn ich damals schon Social Media gehabt hätte?

Essstörungen gab es schon vor Social Media

Essstörungen sind keine Erfindung von Instagram oder TikTok.

Auch vor zwanzig Jahren gab es gesellschaftliche Schönheitsideale, Diäten, Vergleiche und Druck. Viele meiner Gedanken und Verhaltensweisen entstanden lange bevor Smartphones unseren Alltag bestimmten.

Doch es gab einen entscheidenden Unterschied:

Die Vergleiche hatten Grenzen.

Als ich jung war, erschien die Bravo einmal pro Woche und die Mädchen einmal im Monat. Irgendwann war die Zeitschrift zugeklappt, die Schule vorbei oder das Fitnessstudio geschlossen.

Heute liefern Instagram, TikTok und andere Plattformen rund um die Uhr neue Bilder, Trends und Schönheitsideale. Der Vergleich mit anderen findet nicht mehr gelegentlich statt – er ist für viele Jugendliche zum ständigen Begleiter geworden.

Social Media und Essstörungen: Welche Rolle spielen Instagram und TikTok?

Die Forschung zeigt, dass soziale Medien nicht die alleinige Ursache von Essstörungen sind. Dennoch können sie bestehende Unsicherheiten verstärken.

Algorithmen zeigen Nutzern immer mehr von den Inhalten, mit denen sie bereits interagiert haben.

Wer nach Abnehm-Tipps sucht, bekommt häufig weitere Abnehm-Inhalte angezeigt.

Wer Fitnessvideos schaut, sieht oft noch mehr Fitnessvideos.

Wer sich mit Körperbildern beschäftigt, erhält noch mehr Körperbilder.

Dadurch entstehen sogenannte Filterblasen, in denen bestimmte Ideale als normal erscheinen, obwohl sie häufig unrealistisch sind.

Besonders Jugendliche befinden sich in einer Lebensphase, in der sie ihren eigenen Wert und ihre Identität entwickeln. Ständige Vergleiche können in dieser Zeit erheblichen Druck erzeugen.

KI und Filter: Wenn Perfektion künstlich wird

In den letzten Jahren hat sich ein weiterer Faktor entwickelt:

Künstliche Intelligenz.

Während früher Fotos lediglich bearbeitet wurden, können heute Gesichter, Körper und ganze Personen digital erschaffen oder verändert werden.

Haut wird makellos.
Taillen werden schmaler.
Muskeln werden größer.
Gesichter wirken symmetrischer.

Viele dieser Bilder zeigen keine Realität mehr.

Das Problem ist nicht die Technologie selbst.

Das Problem entsteht, wenn Menschen beginnen, sich mit Körpern zu vergleichen, die es in dieser Form gar nicht gibt.

Für Menschen mit einem fragilen Selbstwertgefühl oder einer Veranlagung zu Essstörungen kann das besonders belastend sein.

Sportsucht und Muskelsucht: Nicht nur Mädchen sind betroffen

Lange Zeit galten Essstörungen als „Frauenproblem“.

Heute wissen wir, dass das nicht stimmt.

Immer mehr Jungen und Männer leiden unter Körperunzufriedenheit, zwanghaftem Sportverhalten oder Muskelsucht.

Während Mädchen häufig dem Ideal der Schlankheit nacheifern, orientieren sich viele Jungen und Männer an einem anderen Schönheitsbild:

  • Breite Schultern
  • Sichtbare Bauchmuskeln
  • Möglichst wenig Körperfett
  • Maximale Leistungsfähigkeit

Unter Begriffen wie „GymTok“, „Body Transformation“, „Fitness Lifestyle“ oder „Alpha Male“ werden täglich Millionen von Inhalten konsumiert.

Nicht jeder, der trainiert, entwickelt eine Sportsucht.

Doch die Grenzen zwischen gesundem Sport, Leistungsorientierung und zwanghaftem Verhalten können verschwimmen.

Was gesellschaftlich oft als Disziplin bewundert wird, kann in manchen Fällen bereits ein Warnsignal sein.

Haben Essstörungen in den letzten 20 Jahren zugenommen?

Diese Frage lässt sich nicht eindeutig beantworten.

Klar ist jedoch: Essstörungen werden heute häufiger erkannt, diagnostiziert und öffentlich thematisiert als noch vor zwanzig Jahren.

Zudem haben sich die Einflussfaktoren verändert.

Früher waren es Zeitschriften, Werbung, Mitschülerinnen, Freunde oder das direkte Umfeld.

Heute kommen Social Media, Influencer, permanente Vergleichsmöglichkeiten und KI-generierte Schönheitsideale hinzu.

Die äußeren Auslöser mögen sich verändert haben.

Die Gefühle dahinter oft nicht.

Selbstzweifel.
Scham.
Der Wunsch dazuzugehören.
Die Hoffnung, durch einen bestimmten Körper endlich glücklich zu werden.

Diese Themen begleiten viele Betroffene damals wie heute.

Was wir heute dringend brauchen

Die Zahl der Informationen über Ernährung, Fitness und Körperoptimierung war noch nie so groß wie heute.

Gleichzeitig steigt bei vielen Menschen die Verunsicherung.

Deshalb brauchen wir mehr Aufklärung.

Mehr echte Geschichten.

Mehr Verständnis.

Und mehr Gespräche darüber, dass Gesundheit weit mehr bedeutet als ein bestimmtes Gewicht, ein Sixpack oder ein perfektes Instagram-Foto.

Mein Fazit

Damals waren es die Bravo, die Mädchen, Mitschülerinnen auf meiner Mädchenschule und später die Fitness- und Bodybuilding-Szene, an denen ich mich orientierte.

Heute sind es Social Media, Algorithmen, Filter und künstliche Intelligenz.

Geblieben sind Selbstzweifel, Vergleiche und der Wunsch, dazuzugehören.

Deshalb ist Aufklärung heute wichtiger denn je.

Für Mädchen und Jungen.

Für Frauen und Männer.

Und für alle, die lernen möchten, ihren Wert nicht von ihrem Aussehen abhängig zu machen.

Mit EssBalance möchte ich genau dazu beitragen.

Als ehemals Betroffene von Magersucht, Bulimie und Sportsucht weiß ich, wie schnell der Wunsch nach Anerkennung, Kontrolle oder Perfektion in eine ernsthafte Erkrankung münden kann.

Heute möchte ich zeigen, dass Heilung möglich ist.

Und dass kein Filter, kein Algorithmus und keine künstliche Intelligenz jemals ersetzen können, was wirklich zählt:

Selbstannahme, Gesundheit und ein Leben in Balance.

Kathrin Gehlert

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