Binge Eating: Die häufigste Essstörung in Deutschland verstehen und erkennen

Wenn Menschen an Essstörungen denken, kommen ihnen meist Magersucht oder Bulimie in den Sinn. Deutlich seltener wird über die Binge-Eating-Störung gesprochen – obwohl sie heute zu den häufigsten Essstörungen in Deutschland gehört.

Viele Betroffene leiden jahrelang im Verborgenen. Nach außen wirkt oft alles normal. Hinter verschlossenen Türen kämpfen sie jedoch mit Essanfällen, Schamgefühlen und dem Gefühl, die Kontrolle über ihr Essverhalten verloren zu haben.

Dabei ist Binge Eating weder eine Frage von Disziplin noch von mangelnder Willenskraft. Es handelt sich um eine ernstzunehmende psychische Erkrankung, die Aufmerksamkeit, Verständnis und Unterstützung verdient.

Was ist Binge Eating?

Die Binge-Eating-Störung (BED) ist durch wiederkehrende Essanfälle gekennzeichnet. Während eines solchen Anfalls werden innerhalb kurzer Zeit große Mengen an Nahrung verzehrt. Viele Betroffene beschreiben dabei das Gefühl, die Kontrolle über das Essen zu verlieren.

Im Unterschied zur Bulimie folgen auf die Essanfälle meist keine kompensierenden Maßnahmen wie Erbrechen, Fasten oder exzessiver Sport.

Typische Binge-Eating-Symptome

  • Wiederkehrende Essanfälle
  • Kontrollverlust während des Essens
  • Sehr schnelles Essen
  • Essen ohne körperlichen Hunger
  • Essen bis zu einem unangenehmen Völlegefühl
  • Heimliches Essen aus Scham
  • Schuld-, Scham- oder Versagensgefühle nach dem Essanfall

Nicht jeder gelegentliche Essanfall ist automatisch eine Essstörung. Entscheidend sind Häufigkeit, Leidensdruck und die Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen.

Ursachen von Binge Eating: Warum entstehen Essanfälle?

Binge Eating hat selten nur eine Ursache. Studien zeigen, dass genetische Veranlagungen, persönliche Erfahrungen, psychische Belastungen und gesellschaftliche Einflüsse zusammenwirken können.

Viele Betroffene berichten, dass Essen zeitweise zur Bewältigungsstrategie wird.

Stress.
Einsamkeit.
Überforderung.
Selbstzweifel.
Emotionale Belastungen.

Das Essen verschafft für einen kurzen Moment Erleichterung. Anschließend folgen jedoch häufig Schuldgefühle und Selbstvorwürfe, wodurch ein belastender Kreislauf entstehen kann.

Warum Binge Eating heute stärker im Fokus steht

Vor zwanzig Jahren wurde über Binge Eating deutlich weniger gesprochen. Während Magersucht und Bulimie vielen Menschen bekannt waren, blieb die Erkrankung häufig unerkannt oder wurde als mangelnde Disziplin missverstanden.

Heute wissen wir, dass Essstörungen viele Gesichter haben.

Gleichzeitig leben wir in einer Gesellschaft, die von Diätkultur, Schönheitsidealen, Fitness-Trends und permanenter Selbstoptimierung geprägt ist. Soziale Medien verstärken den Druck zusätzlich. Noch nie war es so einfach, sich ständig mit anderen zu vergleichen.

Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass diese Faktoren psychische Belastungen verstärken und problematische Beziehungen zu Essen und Körperbild begünstigen können.

Zwei Kathis, zwei unterschiedliche Essstörungen

Essstörungen sehen nicht immer gleich aus.

Meine eigene Geschichte ist geprägt von Magersucht, Bulimie und Sportsucht. Über viele Jahre bestimmten Kalorien, Kontrolle, Gewicht und zwanghaftes Verhalten mein Leben. Heute habe ich diese Erkrankungen überwunden und weiß aus eigener Erfahrung, dass Heilung möglich ist.

Eine enge Freundin von mir heißt ebenfalls Kathi und hat mir durch ihre Offenheit Einblicke in die Herausforderungen der Binge-Eating-Störung ermöglicht.

Während ich früher darum kämpfte, möglichst wenig zu essen und meinen Körper immer weiter zu kontrollieren, erlebt sie die andere Seite einer Essstörung: den Kampf mit Essanfällen, Scham und dem Gefühl, die Kontrolle zu verlieren.

Auf den ersten Blick erscheinen unsere Geschichten völlig unterschiedlich.

Doch bei genauerem Hinsehen zeigen sich viele Gemeinsamkeiten: Selbstzweifel, innere Konflikte, Schamgefühle und der Wunsch, endlich Frieden mit sich selbst zu schließen.

Unsere Erfahrungen zeigen, dass Essstörungen viele Gesichter haben – und dass kein Mensch mit seinem Kampf allein ist.

Hilfe bei Binge Eating: Heilung ist möglich

Der wichtigste Schritt besteht oft darin, die Erkrankung als das anzuerkennen, was sie ist: eine ernstzunehmende psychische Belastung und keine persönliche Schwäche.

Je früher Unterstützung gesucht wird, desto größer sind die Chancen, belastende Muster zu durchbrechen und einen gesunden Umgang mit Essen und dem eigenen Körper zu entwickeln.

Hilfe anzunehmen ist kein Zeichen von Schwäche.

Es ist häufig der erste Schritt zurück in ein selbstbestimmtes Leben.

EssBalance: Ein Raum für Verständnis statt Verurteilung

Mit EssBalance möchte ich Menschen Mut machen, über Essstörungen zu sprechen.

Durch meine eigenen Erfahrungen mit Magersucht, Bulimie und Sportsucht sowie die Einblicke in die Geschichte meiner Freundin Kathi kenne ich unterschiedliche Facetten dieser Erkrankungen.

Ich bin keine Therapeutin. Aber ich bin jemand, der den Weg durch eine Essstörung selbst gegangen ist und weiß, wie wichtig Verständnis, Aufklärung und die richtigen Menschen an der Seite sein können.

Wenn du selbst betroffen bist oder einen Angehörigen begleiten möchtest, darfst du wissen:

Du bist nicht allein.

Und unabhängig davon, ob die Erkrankung Magersucht, Bulimie, Sportsucht oder Binge Eating heißt – Heilung beginnt oft dort, wo Scham endet und Verständnis beginnt.

Kathrin Gehlert

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