Ich besitze zu Hause eine Waage – für mich hat sie keinen Nutzen, denn die Zahlen sind mir nicht mehr wichtig
„Komm, jetzt iss doch mal was!“ „Willst du schon wieder zum Sport?“ „Iss mehr Eiweiß und weniger Kohlenhydrate, am besten gar keine. Dann nimmst du schneller ab!“

Ich bin mehr als die Zahl auf der Waage
Der Kampf um jedes Gramm – Wofür?
„Ich hasse mich!“ „Wieso nehme ich nicht noch mehr ab?“ „Warum ist die so dünn und ich nicht? Ich will auch so aussehen!“ – All das und noch vieles mehr ging mir durch den Kopf in meiner Jugend und gipfelte darin, dass ich mit Mitte zwanzig beschloss, auf Nahrung nahezu zu verzichten und dazu exzessiv Sport zu treiben, um mehr Gewicht zu verlieren. Ich aß nur noch einen trockenen Kopfsalat und ein Glas Schwarzwurzeln am Tag, dazu lief ich nahezu täglich auf dem Laufband im Fitnessstudio, um meinem Ziel näher zu kommen: Makellosigkeit. Schmerzen und Beschwerden blendete ich dabei aus – bis am Ende mein Körper nicht mehr mitmachte. Und warum das alles? Mögen mich meine Freundinnen mehr, wenn ich weniger Gewicht auf der Waage habe? Definieren mich Menschen nur nach meiner Statur? Macht mich nur das Äußere aus?
Nein – ich bin mehr als die Zahl auf der Waage! Sie sagt gar nichts über mich als Menschen aus. Sie mögen mich, weil ICH ICH bin. Also bin ICH ICH – Auch DU kannst DU sein! Wir haben alle nur ein Leben – ach nein, bei mir ist es mein 3.….
Warum hatte ich überhaupt dieses Ziel?
Wenn ich heute meine Tagebücher aus der Fachklinik, in der ich acht Wochen stationär behandelt wurde, um meine Magersucht und Sportsucht zu überwinden, lese, frage ich mich das immer wieder. War es, den anderen Menschen zu gefallen, damit sie mich mehr sehen und akzeptieren? Oder haben sie mich gesehen, nur ich selbst hatte mich verloren oder noch nie wirklich wahrgenommen, nicht geliebt? Wonach suchte ich? Nach mir? Mehr Anerkennung und Wärme? Von mir selbst? War es, um mich selbst zu bestrafen, zu quälen und mir zu beweisen, dass ich stark bin und alles schaffen kann, mich nichts und niemand brechen kann? Es ist von allem etwas.
Und heute?
Die Magersucht ließ alles um mich herum verschwimmen und ich fokussierte mich auf Hungern und Sport. Hungersport – so schreibe ich es in meinem 1. Roman „Aderfeuer“. Ich testete meine Grenzen aus, übertrat sie und fiel sehr tief. Als mein Körper streikte, wurde mir klar, dass ich verloren habe. Zu Beginn konnte ich noch nicht erkennen, dass es eine essenzielle und sehr gute Niederlage für mich war. Ich fühlte mich als Versagerin und war bitter enttäuscht von mir und meinem Körper, der die gnadenlose Pein nicht länger aushalten wollte. Aber dann, im Verlauf der Therapie, wurde mir klar, dass die Magersucht mir ein neues Ich geschenkt hat, das ich nun entdecken konnte. Es war hart, aber ich wollte der „neuen Kathi“ eine Chance geben in meinem Leben. Ich fasste Mut und trennte mich von allem: Meinem Job, meiner Wohnung, meinen Freundinnen und meiner Beziehung. Neustart. Ich übernahm wieder selbst Kontrolle über mich – meine „Freundin Magersucht“ war verstummt – es war Zeit für mein 2. Leben. Auch heute entdecke ich mich immer wieder selbst, denn die alte Kathi ist weg und kann mir nichts mehr über mich erzählen. Meine Erinnerungen wurden durch mein Koma gelöscht. Koma? Ja, genau – Koma!
Bin ich mit weniger Gewicht mehr wert?
Heute, in meinem 3. Leben, weiß ich ganz genau: Ich würde mich auch mit 5, 10 oder 20 Kilogramm weniger Körpergewicht nicht anders fühlen als jetzt. Diese Gewissheit macht mich stark. Ich habe gelernt, mit der „Schieflage in meinem Kopf“ zu leben. Mit den inneren Struggles, die geblieben sind, und die meinen Ehemann immer wieder zur Verzweiflung treiben, weil er nicht verstehen kann, dass sich „seine wunderschöne Frau“ immer wieder in Frage stellt.
Aber ich respektiere meine inneren Kämpfe, gebe ihnen Raum, denn nur so kann ich mich mit ihnen auseinandersetzen, ihnen entgegenlächeln und sie entkräften. Ich lasse sie kommen und mache weiter mit mir – mit meinem Mut, meinem Vertrauen darin, dass mich Menschen mögen und respektieren, egal welches Gewicht ich habe, und der Gewissheit, dass ich mich selbst annehmen kann.
Es gibt Höhen und Tiefen und ich bin mir sicher, dass Menschen, die keine Erfahrungen mit Essstörungen und Sportsucht haben, auch solche Momente kennen.
Aber für mich ist es aufgrund meiner Erfahrung mit dieser Krankheit immer „eine Schippe mehr“. Doch ich schmeiße sie auf den Haufen neben mir und ignoriere ihn. Er ist inzwischen bedeutungslos. Genauso wie die Waage in meinem Badezimmer.