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Ich wollte immer anders sein – so wie ich bin, bin ich nicht richtig!

Ich hungerte, lief stundenlang auf dem Laufband, stemmte Gewichte – und suchte mich selbst. Bis heute weiß ich nicht genau, was ich damals suchte. Vielleicht Anerkennung. Vielleicht Liebe. Vielleicht einfach ein Gefühl von Kontrolle. Aber ich erinnere mich genau daran, wann ich mich gut fühlte:

Dann, wenn ich nichts aß.
Dann, wenn ich mich völlig verausgabte.

Dieser Kick, dieses vermeintliche Hochgefühl – es war trügerisch. Ich dachte, die Menschen würden mich mehr sehen, wenn ich dünner wäre. Ich glaubte, ich würde mich selbst mehr achten, wenn ich disziplinierter wäre. Aber heute weiß ich: Wie kann man von Selbstachtung sprechen, wenn man sein eigenes Leben mit Füßen tritt?

Viel zu spät habe ich erkannt, dass ich längst am Abgrund stand – dass ich auf Messers Schneide balancierte und dringend Hilfe brauchte. Doch ich habe es geschafft. Und dafür bin ich unendlich dankbar.

Hol dir Hilfe, wenn du Angst vor dem Essen hast

Meine Magersucht hat mich fast getötet – wortwörtlich.

Nach meiner ersten Behandlung wollte ich stark sein, alles allein schaffen, niemandem zur Last fallen. Ich dachte, ich hätte die Krankheit besiegt. Doch mein Körper hatte längst aufgegeben. Nur wenige Monate nach der Klinik begann meine Leber zu versagen. Sie schwoll an, blutete – und ich bemerkte es nicht. Ich wollte funktionieren, durchhalten, weitermachen. Doch dann wurde es lebensbedrohlich. Nur ein Not-OP-Schnitt hat mir das Leben gerettet.

Heute trage ich eine fast 30 Zentimeter lange Narbe in der Mitte meines Bauches.
Sie erinnert mich jeden Tag an die Tortur, die mein Körper durchlitten hat – und daran, dass ich ihn selbst dorthin getrieben habe. Aber diese Narbe ist mehr als eine Erinnerung. Sie ist ein Mahnmal meines Überlebens.

Leben mit Narben – außen und innen

Nach der Operation musste ich mehrfach nachoperiert werden. Ein Kunststoffnetz stützt heute meine Bauchdecke. Es gibt Verwachsungen, mein Magen-Darm-Trakt funktioniert anders, und manche Lebensmittel vertrage ich nicht mehr. Mein Körper ist gezeichnet – innen wie außen.

Doch anstatt mich dafür zu schämen, sehe ich diese Narbe heute als Warnung und als Zeichen des Lebens. Sie sagt mir: „Kathi, du hast eine neue Chance bekommen. Nutze sie.“ Ich habe gelernt, dass Perfektion nicht Leben bedeutet – sondern Zerstörung.
Und dass Selbstliebe nicht im Verzicht liegt, sondern in der Annahme.

Warum ich meine Geschichte teile

Ich erzähle dir das, weil ich möchte, dass du verschont bleibst von einem solchen Schicksalsschlag. Weil du nicht erst fast sterben musst, um zu erkennen, wie wertvoll du bist. Essen ist Leben. Ohne Nahrung kommt der Tod – und bei mir hat er schon zweimal angeklopft. Ich hatte Glück. Du kannst dir und anderen dieses Leid ersparen, wenn du früher hinsiehst.

Wenn du spürst, dass du Angst vor dem Essen hast, dich ständig kontrollierst oder dein Wert von deinem Gewicht abhängt – bitte, hol dir Hilfe. Sprich mit mir oder jemandem, der versteht, was du durchmachst.

Ich weiß, wie schwer es ist. Aber ich weiß auch, dass Heilung möglich ist.

Kathrin Gehlert

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