Figurperfektion um jeden Preis – Wie ich meine Sport- und Magersucht überwunden habe

Vor 15 Jahren war ich Karnevalsprinzessin in Bad Godesberg, einem Stadtteil von Bonn.
Was viele damals nicht wussten: Nur wenige Jahre zuvor wäre ich fast an meiner Magersucht gestorben. Doch heute erzähle ich meine Geschichte: vom Wunsch nach Perfektion, dem Fall in die Krankheit und dem Weg zurück ins Leben. Ich möchte Betroffenen und Angehörigen Mut machen – denn Heilung ist möglich, wenn du wieder lernst, dich selbst zu lieben.

Wenn du erkennst, dass du mehr bist als dein Körper – dass du wertvoll bist, genau so, wie du bist.

Ich fand mich zu dick, zu wenig „perfekt“. Ich wollte abnehmen – um jeden Preis.

Mit reinem Ausdauertraining kam ich meinem Ziel nur langsam näher. Also begann ich, bestimmte Lebensmittel komplett zu streichen. Nach und nach reduzierte ich meine Kalorienzufuhr so stark, dass ich weit unter meinem Grundumsatz lag.
Doch auch das reichte mir irgendwann nicht mehr. Ich ging noch häufiger ins Fitnessstudio – zunächst zwei- bis dreimal pro Woche, dann fast täglich. Meine Trainingseinheiten wurden länger, intensiver, gnadenloser. Bald verbrachte ich bis zu zwei Stunden am Tag auf dem Laufband, zwischen Gewichten und Übungen, immer mit demselben Ziel: noch dünner, noch besser, noch kontrollierter zu werden.

Und dann? Dann brach ich zusammen.

Mein Körper war erschöpft – aber noch schlimmer: Mein Inneres zerbrach.
Die Menschen, die mich zuvor scheinbar bewundert hatten, waren plötzlich verschwunden. Ich hatte geglaubt, Anerkennung und Freundschaft über meine Figur finden zu können – doch was mir entgegenleuchtete, war nur Oberflächlichkeit. Ich fiel. Tief. Und ich fiel allein.

Nur meine Familie blieb an meiner Seite. Heute weiß ich: Figur bedeutet nichts. Sie sagt nichts aus über Akzeptanz, Nähe, Liebe, Wärme, Geborgenheit oder echte Freundschaft.

Ich bin mehr als mein Körper.

Und genau deshalb tanze ich heute durch mein Leben – weil ich weiß, dass jeder Tag kostbar ist.

Karneval: Wenn innerer Kampf und Lebensfreude sich vereinen

Ich hätte damals nie gedacht, dass ich eines Tages wieder unbeschwert feiern könnte – ohne mich schlecht zu fühlen, ohne mich selbst zu bestrafen mit Verzicht oder Schmerz. Im Karneval darf ich heute einfach sein, wer ich bin. Ich schlüpfe in Kostüme, zeige mich bunt, laut, fröhlich – und trotzdem bleibe ich dieselbe Kathi.

Die Kathi, die sich manchmal immer noch im Spiegel fragt, ob sie „gut genug“ ist. Die Kathi, die Blicke anderer manchmal verunsichern. Aber auch die Kathi, die gelernt hat, ihr inneres Lächeln zu finden, ihre Stärke zu spüren und das Leben zu feiern – weil es schon zweimal fast entglitten war.

Der Kampf gegen meine inneren Dämonen

Die Magersucht war nicht nur ein körperlicher, sondern vor allem ein seelischer Kampf.
Meine inneren Dämonen wollten bestimmen, wie ich mich fühle, was ich esse, wie ich lebe. Ihnen die Stirn zu bieten, war kräftezehrend – aber es war der entscheidende Schritt auf meinem Weg zur Heilung.

Heute weiß ich: Ich kann mein Leben selbst bestimmen. Ich muss nichts mehr beweisen. Ich darf essen, lachen, feiern – leben. Mein Leben ist vielleicht schon halb vorbei, aber genau deshalb genieße ich jeden Moment doppelt. Ich feiere es, weil ich es will. Weil ich es kann. Und weil ich es festhalte, so lange ich darf.

Du kannst das auch!

Wenn du oder jemand, den du liebst, in einer ähnlichen Situation steckt: Es gibt einen Weg zurück ins Leben. Er beginnt, wenn du beschließt, dich selbst wieder wichtig zu nehmen. Wenn du erkennst, dass du mehr bist als dein Körper – dass du wertvoll bist, genau so, wie du bist. Du musst es nur zulassen. Und wollen.

Kathrin Gehlert

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